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Post-Pandemic Populations. Die demografischen Folgen der COVID-19- Pandemie in Deutschland

 

Relevanz des Projekts

Im Frühjahr 2020 wurde Deutschland von der weltweiten COVID-19-Pandemie erfasst. Diese globale Gesundheitskrise wird auf längere Sicht nicht nur in schwerwiegenden wirtschaftlichen Verwerfungen und wachsender sozialer Ungleichheit, sondern auch in demografischen Entwicklungen ihren Nachhall finden. Schon vor dem Ausbruch der Pandemie gab es Hinweise darauf, dass das Familienverhalten von der im Zuge von Krisen eintretenden Verschlechterung der aktuellen Lebenssituation beziehungsweise von pessimistischen Zukunftserwartungen stark beeinflusst wird. Dies gilt auch für Mobilitäts- und Migrationsentscheidungen innerhalb Deutschlands, Europas oder weltweit, die in erheblicher Weise davon bestimmt werden, ob der Wegzug in ein anderes Land oder der Umzug in den ländlichen Raum oder in eine Stadt sich mit der Erwartung verbindet, dass damit eine Verbesserung der eigenen Lebensperspektiven einhergehen wird. Gelegentlich wird sogar schon von einer „Generation Corona“ gesprochen, die in einer formativen Lebensphase von den Erfahrungen der Pandemie und einer damit einhergehenden wachsenden Zukunftsunsicherheit geprägt sein könnte. Es ist zudem noch unklar, inwieweit die Übersterblichkeit im Zuge des gegenwärtigen Infektionsgeschehens die fernere Lebenserwartung beeinflussen wird.

Die Verteilung der Risiken auf einzelne Gruppen der Bevölkerung nach statistischen Merkmalen wie Alter, Gesundheit, Familienstatus, Haushaltszusammensetzung, Bildung, sozio-ökonomischer Status oder Wohnort spielt dabei eine zentrale Rolle. Beispielsweise macht es einen Unterschied, ob Individuen mit oder ohne Vorerkrankungen beziehungsweise in halbwegs gesicherten ökonomischen Verhältnissen durch eine solche Krise gehen, ob es einen wohnortnahen Zugang zu Ärzten und Krankenhäusern mit ausreichend ausgestatteten Notfallkapazitäten gibt oder ob Menschen während eines „Lock-Downs“ auf Kinderbetreuung, mobile Versorgungsdienstleistungen oder digitale Informationsangebote zurückgreifen können. Eine Familie, eine Lebensgemeinschaft oder ein soziales Umfeld können psychosoziale Stresssituationen abfedern, unabhängig ob man in großen Städten oder auf dem Land wohnt, aber im Einzelfall auch das Infektionsrisiko erhöhen, wenn dabei Kontakt- und Hygieneregeln nicht eingehalten werden, insbesondere im Umgang mit Risikogruppen. Alter ist ein wichtiger Faktor bei der Risikobewertung, doch sind ältere Menschen keine homogene Gruppe, sondern unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer körperlichen und mentalen Fitness sowie ihrer sozioökonomischen Ausgangsbedingungen. Bei jüngeren Altersgruppen wirkt sich soziale Ungleichheit nicht nur langfristig in geringeren Bildungschancen oder auf dem Arbeitsmarkt beziehungsweise in einem höheren Risiko von Armut oder gesundheitlichen Einschränkungen aus, sondern auch kurzfristig darin, wie stark sie von der Krise und ihren Auswirkungen betroffen sind und wie sich dadurch ihr Verhalten verändert, beispielsweise der Zeitpunkt des Berufseinstiegs, der Familiengründung oder einer Mobilitätsentscheidung.

Das Wissen um solche Wirkungszusammenhänge soziodemografischer Faktoren ist wichtig, um in einer Krisensituation Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hinsichtlich möglicher gesellschaftlicher Konsequenzen von erforderlichen Maßnahmen oder bei der Identifikation von besonders unterstützungsbedürftigen Gruppen zu beraten. Dies gilt sowohl für die Metropolregionen als auch für den ländlichen Raum, für jüngere Menschen, Alleinerziehende, Familien und Ältere, für beruflich Aktive oder für Menschen im Ruhestand.

Das Krisenmanagement während der COVID-19-Pandemie war in den meisten EU-Mitgliedstaaten von einem intensiven Zusammenwirken von Akteuren aus Forschung, Politik und Medien gekennzeichnet, insbesondere von Virolog*innen und Epidemiolog*innen, die regelmäßig über potenzielle Ansteckungsrisiken informierten. Gleichzeitig hat es sich gezeigt, dass die soziodemografischen Folgen politischer Interventionen gerade für die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen noch keineswegs hinreichend verstanden sind. Eine stärkere Einbeziehung von Wissenschaftler*innen, insbesondere aus den Sozialwissenschaften, sowie von Praktiker*innen ist hier dringend geboten, um bei weiteren Pandemien des COVID-19-Virus oder möglicherweise noch gefährlicherer Virenstämme die soziodemografischen Folgen der getroffenen Maßnahmen besser abschätzen zu können.  

 

Überblick über den Forschungsstand

In einer ersten Phase geht es um eine Bestandsaufnahme des Forschungsstandes zu den soziodemografischen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Forschungseinrichtungen werden eingeladen, aktuelle Ergebnisse und Desiderate der Forschung vorzustellen und kurze Politikempfehlungen zu formulieren. Der Fokus liegt dabei vor allem auf den soziodemografischen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie in Deutschland (wobei dazu auch Vergleiche mit der Situation in anderen Ländern, in denen auf Grund besser zugänglicher Daten validere Aussagen möglich sind, herangezogen werden können) und diese nach Altersgruppen sowie nach regionalen Aspekten zu differenzieren.

 

Faktencheck auf einem Expert*innenworkshop

In einer zweiten Phase diskutieren diese Autor*innen ihre Ergebnisse mit einem kleinen Kreis von ausgewählten Expert*innen aus der Politik (Europäische Union, Bund, Länder, Regionalverbände und Kommunen). Ziel ist es, die Praxisrelevanz der Politikempfehlungen zu evaluieren. Dazu wird eine Diskussionsveranstaltung im Frühjahr 2021 in Berlin durchgeführt, zu der sich weitere Zuhörer*innen online zuschalten können.

 

Publikation der Ergebnisse

Die Ergebnisse des Expert*innenworkshops fließen in die Endredaktion des Discussion Papers ein. Eine Kurzzusammenfassung wird als Policy Brief in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht, so dass die Ergebnisse auch anderen Entscheidungsträger*innen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung stehen.

 

Dieses Projekt läuft bis Mai 2021.